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Die anhaltende Zukunft für die mechanische Uhr: das Automatikuhrwerk

Feinmechanik birgt für viele Betrachter Faszination. Technikinteressierte bewundern, wie auf kleinstem Platz Lösungen ausgetüftelt und in Metallteilchen ausgeführt wurden, wodurch Mechanismen entstanden, die Zeit akkurat messen lassen. Und dann auch noch mit selbsttätigem Aufzug wie in einem Automatikuhrwerk! Bildnachweis: Daniel Zimmermann / Lizenz: CC2.0

Gehen wir der Sache auf den Grund und schärfen wir das Bewusstsein für solche Kostbarkeiten menschlichen Erfindungsgeistes, die auch im elektronischen Zeitalter nichts von dieser Faszination eingebüßt haben. Oder gerade deshalb (seit den 1980ern wieder) wertschätzende Beachtung finden.

Das Erbe der Uhrenmechanik liegt im Automatikuhrwerk

Zuerst sollte festgehalten werden, dass die Automatikuhr nicht vom Himmel gefallen ist, sondern ihrerseits eine Vorgeschichte in der mechanischen Uhr mit Handaufzug hat. Das Automatikuhrwerk gehört somit zu den mechanischen Uhren, die in ihrer reinen Form mittlerweile selten geworden sind.

Vor dem Aufkommen der Quarzuhr (aufgebaut als elektronische Platine mit Batterieantrieb) bestand der Markt jahrzehntelang aus Handaufzugsuhren und Automatikuhren, ähnlich wie heute ein Dualismus aus mechanischen Automatikuhren und Quarzuhren vorliegt. Das Automatikuhrwerk wurde der Bequemlichkeit wegen erfunden, vielleicht auch wegen menschlicher Vergesslichkeit, denn ihr einziger Zweck war, das tägliche Aufziehen der Antriebsfeder per Hand überflüssig zu machen.

Heute machen Quarzuhren wegen ihrer niedrigen Herstellungskosten und Handelspreise sicher den Löwenanteil des Uhrenmarktes aus, aber am Segment der Automatikuhren halten die Liebhaber filigraner Handwerkskunst fest. Die geben auch gern etwas mehr aus. Darum wird es kein Ende der Automatikuhr geben.

Wie es zum Automatikuhrwerk kam

Der Kerngedanke im Automatikuhrwerk ist, einem bestehenden mechanischen Werk eine Energiegewinnung hinzuzugesellen, die nie versiegen würde, so lange die Uhr getragen würde. Ihr Besitzer müsste nicht daran denken, sie aufzuziehen und sich auch nicht um eine Batteriehaltbarkeit bekümmern.

Die erste Armbanduhr mit der frühen konstruktiven Lösung einer Schwungmasse zum Aufzug der Feder wurde 1922 in Frankreich von Leroy entwickelt, kam aber nicht auf den Markt. Daher geht der historische Verdienst, das erste Automatikuhrwerk herausgebracht zu haben, 1924 an John Harwood. Nochmals mussten zwei Jahre vergehen, bis bei Blancpain (Schweiz) und Fortis (Dt. Reich) Uhren mit seiner Antriebsart „Harwood Automatic“ erschienen.

Für den großen Durchbruch bedeutsamer ist aber das folgende Patent von Rolex aus dem Jahr 1932 für ihre einseitig rotierende „Oyster Perpetual“. Besonders aber durch Umgehen dieses Patents konnte das Antriebsprinzip des von nun an beidseitig aufziehenden Rotors auch von anderen Herstellern aufgegriffen und verbreitet werden.

Fast alle heutigen Automatikwerke gehen auf diese Bauart zurück. Streng genommen hatte es allerdings einen automatischen Aufzug mit Rotorlauf in beide Richtungen und Wechsler bereits 1775 für Taschenuhren gegeben, somit musste diese Idee nur für Armbanduhren adaptiert und verkleinert werden.

Wie das Automatikuhrwerk arbeitet

Kernstück jedes Uhrwerks in einer Automatik ist ein beweglich montiertes Gewicht (Schwungmasse), das allein durch Armbewegungen des Uhrträgers, also Bewegungsenergie im Verbund mit Schwerkraft, um eine Achse rotiert. Diese Rotation kann in einer Richtung oder in beide Richtungen (heute meist beidseitig) über einige Getriebeteile zum Aufzug der Stahlfeder verwendet werden, die wie schon in rein mechanischen Uhren die Antriebsenergie zu speichern hat. Über die Unruh wird diese gespeicherte Energie stoßweise dann wieder abgegeben und das Räderwerk angetrieben.

Dass der erste erfolgreiche Rotor von Rolex nur einseitig drehen konnte, bot den konkurrierenden Herstellern Felsa (1942), Longines (1945) und Eterna (1948) das Schlupfloch, mit ihren jeweiligen Tüfteleien zum beidseitig „ladenden“ Rotor nicht mit dem Patent von Rolex in Konflikt zu kommen. Freilich mussten sie dazu firmenspezifische Wechselgetriebe beisteuern, die diese Rotorschwenks in zwei Richtungen gleichermaßen in Speicherenergie umsetzen konnten.

Das Automatikuhrwerk von Felsa wurde Bidynator genannt, dem man die zweifache Richtung („Bi-“) schon anhört. Insbesondere beim Beitrag von Eterna kam nagelneue Technik in Gestalt von Kugellagern zur Anwendung, was den Umlauf mit sagenhaft geringer Reibung erleichterte.

Da nunmal der ideale Rotor gefunden war, konzentrierten sich folgende Varianten und Verbesserungen auf die Weiterentwicklung des Wechselgetriebes.

Wenn es um unterschiedliche Rotorantriebe geht, so wären neben der anfänglichen Pendelschwungmasse und dem dann den Markt beherrschenden Zentralrotor auch Mikrorotoren und Dreiviertelrotoren als Alternativen zu nennen. Einen Mikrorotor (lief nur in einer Ecke des Werkes) besaß das Kaliber 1000 von Büren Watch im Jahr 1954, um die Uhr möglichst flach bauen zu können. Das entsprach damals einem Modegeschmack der Käuferschaft und wurde darum ein Erfolg, der von anderen nachgeahmt wurde. Größere Mikrorotoren, die etwa drei Viertel der rückseitigen Fläche eines Uhrwerks ausfüllen, werden Dreiviertelrotoren genannt; für diese Bauart waren A. Lange und Glashütte („Sax-o-Mat“) in Sachsen bekannt.

Bekannte Hersteller und Modelle mit Automatikwerk

Die höhere Ganggenauigkeit von Automatikwerken gegenüber handaufgezogenen Armbanduhren trug zum Verbreitungserfolg und der Verdrängung der rein mechanischen Aufzugsuhr bei. Die Gangreserve dürfte zu allen Zeiten höher gelegen haben als die einer Aufzugsuhr und liegt in der Regel bei bis zu 60 Stunden. Zur Not kann der Träger bei den meisten von ihnen per Handaufzug über die Krone nachhelfen.

Unter den Typen des Automatikuhrwerks werden Unterschiede nach der Anzahl der Halbschwingungen pro Stunde gemacht. „Hi-Beat Werke“ (ab 1965) sind mit 36.000 deutlich schneller als die 28.800 Halbschwingungen/h einer normalen Automatik. Solche Schnellschwinger werden von Longines in der Ultrachron, von Zenith in der El Primero und von Girard-Perregaux in der Gyromatic Chronometer HF eingesetzt.

Unter den Standardwerken ist das ETA 2824-2 ein verbreitetes Zugpferd (seit 1982), mit dem Spitznamen „der Panzer“. Viele Uhren bauen heute noch auf Ableitungen etablierter Automatikuhrwerk-Technik aus den Sechziger und Siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts.

Aktiv gebaute ETA Kaliber sind unter dem Begriff „Mecaline Standard“ zusammengefasst: die kleineren Werke für Damenuhren 2671, 2678 (1971), 2688 (1986), die größeren Werke 2836-2 (1982), 2840, 2846 (1991) und 2834-2 (1982). Darüber hinaus werden „Mecaline Spezialitäten“ und „Mecaline Spezialitäten mit Zusatzfunktionen“ von ETA im Automatikuhrwerk Programm vertrieben; eine jüngere Entwicklung scheint das ETA 2004-1 von 1997 zu sein. Ein anderer großer Name ist der von Valjoux, etwa mit Kaliber 7750 (1973), das fast unverändert bis heute gebaut wird und als sehr erfolgreich gilt. Häufig wird dieses Uhrwerk von Herstellern angepasst und unter eigener Manufakturbezeichnung in den Armbanduhren integriert, so zum Beispiel bei der Breitling Superocean Heritage II, bei welcher ein auf dem ETA Valjoux 7750 basierendes Breitling B20 Automatikwerk eingesetzt wird. Ein weiteres bekanntes Valjoux Werk ist das Kaliber 7751 (1986) mit Zeigerdatum und Mondphasen. Powermatic 80 ist ein Automatik-Kaliber in Tissot, Certina und Hamilton Uhren, unter dem sich doch wieder ein ETA 2824-2 verbirgt.

In der Breitling Navitimer läuft mit Breitling 01 tatsächlich mal eine Eigenentwicklung (2009) und kein Lizenz-Herz, weiter entwickelt als Breitling 04 (für GMT-Uhren) und Breitling 05 (in einer Weltzeituhr wie der Transocean).

Eine Symbiose aus Automatik und Quarz?

Übrigens gibt es auch eine Mischform aus Quarzuhr und Automatik in Gestalt des „Autoquarz-Uhrwerks“. Ein Rotor treibt hier einen Miniaturgenerator an, der dann die gewohnten elektronischen Bauteile der Quarzuhr versorgt. Zwei Werke dieser Art sind gebräuchlich: einmal Seiko Kinetic aus Japan und das ETA Autoquarz aus der Schweiz.

Zuletzt sei noch jedem Besitzer von mehreren Automatikuhren ans Herz gelegt, die ungetragenen Modelle in einem Uhrenbeweger aufzubewahren, der dafür sorgt, dass durch Simulation von Armbewegungen das Automatikuhrwerk aufgezogen bleibt. Das gilt als förderlich für den Erhalt der Funktion. Früher war ein Verdicken des Feinöls zu befürchten, wenn eine Uhr ungenutzt blieb. Ein Überladen des Werkes gibt es ohnehin nicht, da eine Rutschkupplung einsetzt, wenn die Feder voll gespannt ist.

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Das Zenith Kaliber El Primero 9004 ist ein sogenanntes Hochfrequenz-Automatikuhrwerk und wird in der neusten Variante in der Defy El Primero 21 eingesetzt. Dieses vom COSC-zertifizierte Chronometeruhrwerk mit 53 Lagersteinen ermöglicht Zeitmessungen auf die Hundertstelsekunde. Bildnachweis oben: Zenith

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Das ETA 2824-2 Automatikwerk, das auch den Beinamen „Panzer“ trägt, kommt auch in einer Stowa Antea 365 zum Einsatz. Bildnachweis oben: Daniel Zimmermann / Lizenz: CC2.0

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Das Breitling B20 Manufakturkaliber basiert auf einem ETA Valjoux 7750 Automatikwerk, zeichnet sich allerdings durch eine deutlich höhere Gangreserve von mindestens 70 Stunden aus. Bildnachweis oben: Breitling

Über den Autor

Volker Trauth

Volker ist unser Mann der wohl gewählten Worte und ausdrucksstarken Uhren-Texte. Er berichtet exklusiv bei luxusuhren-test.de von seinen Zeitmessern.

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