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#mypieceoftime – Meine Vintage-Taschenuhr: An die Kette gelegte Grübelhilfe

Es ist kein Geheimnis, dass der Gebrauch von Taschenuhren ziemlich rar geworden ist. Mit ihrem umständlichen Gebrauch passen sie nicht in eine Zeit, in der man mit einem Blick unter den zurückgestreiften Hemdsärmel blitzschnell wissen will, wem oder was die Stunde geschlagen hat.

Losgelöst vom Zeitgenössischen und ein bisschen extravagant

Die Taschenuhr sitzt verborgen in einer Hosentasche oder (verstärkter old school Faktor) Westentasche und lässt nur ihre Kette blicken, bis man sie* an dieser hervorzieht. Handelt es sich um ein Modell mit Sprungdeckel, verzögert sich die Zeitmessung nochmals um wenige Sekunden, die man braucht, um per Kronendruck den Haken zu lösen, der den unter Federspannung stehenden Deckel aufspringen lässt.

Das sieht zwar alles cool aus, inklusive einer Uhrkette auf Bauch oder Hüfte, ist aber nichts für Leute in Eile. Ich mag aber trotzdem Taschenuhren und hatte vor meiner jetzigen schon einige andere, begonnen mit einer vernickelten Replika von Junghans mit besagtem Sprungdeckel und plastischem Dampflokomotivenmotiv darauf.

Wenn man auch gegen den Strom der Barhäuptigen Hut trug, alte Jazzmusik hörte und schwarz-weiße Hollywoodfilme anschaute, war das kein Widerspruch mit einer Existenz als Spätgeborenem und Sonderling seiner Generation. Da passte die Taschenuhr konsequent ins Gesamtbild, auch wenn die Männerwelt der Dreißiger mehrheitlich bereits damals dem Armbanduhrentragen fröhnte. Ich habe meine Taschenuhr mitsamt Kette aber während der Arbeit nicht in einer Tasche am Leib eingesteckt, sondern sie liegt irgendwo vor mir auf dem Tisch. Wieso?

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Der Moment mit dem Piece of Time

Viele Menschen spielen mit Dingen herum, wenn sie am Nachdenken sind oder auf etwas warten. Das Warten kann sich auf eine Idee beziehen, auf eine erwartete eMail oder einen Anruf, das Ende einer ‚wichtigen‘ Auktion auf dem Onlinehandelsplatz – was auch immer sitzend erwartet werden kann. Oder es wird einfach sinniert.

Statt mit einem Stift, einem Radiergummi oder einer Münze herumzuspielen – als Nichtraucher entfällt die Zigarette und damit verbundene Riten – nehme ich die Uhrkette in die Hand und lasse die Uhr daran pendeln oder kreisen. Beliebt ist auch das Wickeln und Wieder-Abwickeln der Kette um einen oder mehrere Finger. Die Uhr ist dabei die Schwungmasse für all diese Fingerakrobatik. Natürlich lasse ich die Uhr dabei nicht irgendwo aufschlagen und sonstwie in Mitleidenschaft geraten.

Obschon eine Taschenuhr für den Dienst in einer Tasche, das Herausgezogenwerden und Hineingestopftwerden robust gebaut sein und also etwas aushalten muss. Ich empfinde aber Respekt vor ihrem Alter und will sie, schon weil sie Blessuren aus ihrem langen ‚Leben‘ trägt, nicht in ihrer verbliebenen Leidensfähigkeit austesten. Ich bilde mir auch ein, dass es ihr gefällt, derart im Mittelpunkt des Interesses zu stehen, dass ihr jüngster Besitzer sie für kleine Zirkusstücke seines Nachdenkens einspannt, wie man sie mit keiner Armbanduhr anstellen könnte.

Charmant abgenutzte Imperfektion hinter dickem Glas

Schauen wir uns meine heutige Taschenuhr, von der hier die Rede ist, etwas genauer an. Gliederkette und Uhr* wurden erst durch mich miteinander verheiratet; sie wurden unabhängig voneinander erworben. Beide sind versilbert, wobei die Uhr stärkere Abnutzungserscheinungen auf sich vereinigt als die Kette, die genauso gut ein halbes Jahrhundert in irgendeiner Schublade oder im Schmuckkästchen hätte vergessen liegen können. Vom Gebrauchtcharakter der Kette kündet hauptsächlich ihr Karabinerhaken zur Verlinkung mit dem Haltering am Taschenuhrgehäuse, hier am Haken ist die Abtragung der Silberschicht am deutlichsten. Nicht, dass das stören würde beim allgemeinen Patina-Look

Die Glaskuppel auf der Zifferblattseite ist sehr dick, wie ein uraltes Brillenglas, ihre Ränder ragen mehrere (!) Millimeter über die metallene Einfassung hinaus, was mich denken lässt, dass es sich nicht um das Originalglas handelt, sondern um eine etwas zu dicke Ersatzkuppel. Erstaunlich, dass der exponierte Glasrand ohne eine schützenden Ring darum nicht den geringsten Schaden davongetragen hat – er zeigt keine Abplatzung, Kerbe, nichts!

Das Zifferblatt darunter mit einem Durchmesser von ca 39mm dürfte eine emaillierte Metallplatte sein, mit einer Abplatzung der Deckschicht zwischen acht und neun Uhr, wo behelfsmäßig mit weißem Lack die Lücke geschlossen wurde. Dadurch erfährt das Kreisrund der Minutenstrichelung hier eine Unterbrechung. Die Indices werden von sehr schmalen, gestreckten römischen Ziffern in Schwarz gebildet. Über deren Köpfen hat man arabische Zahlen von 5 bis 60 in Fünferschritten hinzugefügt. Sämtliche Zahlen sind in ihrer Ablesungsrichtung nach dem Zentrum orientiert, wodurch also die Zahlen nach Sechs Uhr hin auf dem Kopf zu stehen kommen. Eine große Sekunde ist unter den Zeigern nicht vorhanden, Stunde und Minute wirken sehr filligran mit einer einzigen nennenswerten Verdickung in Tropfenform zum Ende des Stundenzeigers hin, und wiederum sehr spitz auslaufend. Ihre Farbe scheint schwarz, doch gegen Licht betrachtet ist eine Bläuung zu erkennen. Der Minutenzeiger hat zur Hälfte seine Beschichtung verloren und ist nunmehr zur Achse hin messingfarben. Die kleine Sekunde ist kaum anders wie auf einer modernen Uhr als Totalisatorskala auf Sechs-Uhr-Position eingefügt, auf ihrem Rund sind alle zehn Sekunden arabische Zahlen eingefügt, mit einem etwas längeren Strich statt der Zahl für die fünfte, fünfzehnte, fünfundzwanzigste usw Sekunde.

Aufklappend in die Tiefe vordringend

Bei meiner Taschenuhr muss es sich um ein Stück aus dem 19. Jahrhundert handeln. Sie wird nämlich noch mit einem Steckschlüssel aufgezogen, der unterwegs an der Kette mitzutragen ist. Es gibt keinen Kronenaufzug. Fürs Einstellen und den Aufzug gibt es zwei Vierkant-Steckachsen, die nach Aufklappen des äußeren Bodendeckels sichtbar werden. Ihre Durchstecköffnungen liegen in einer zweiten, inneren Deckelglocke, verziert mit Schreibschrift „Cylindre 8 Rubis“ – die Uhr ist also auf acht Steinen gelagert.

Die Innenseite des äußeren Metalldeckels, der außen leicht mit feinen, sich kreuzenden Kreisbögen schraffiert ist und ein (ungenutztes) Feld für eine Wappengravur trägt, enthält drei Punzierungen und eine vierstellige (Serien?)Nummer. Eine Punze weist 800er Silber aus, die andere scheint ein vogelartiges Markenzeichen darzustellen, dazu hat ein Juwelier über dem Scharnier seine Signatur eingeritzt.

Spreizt man an der dafür vorgesehenen Stelle am Gehäuserand mittels Fingernagel auch die innere Metallglocke ab, wird das Uhrwerk sichtbar. Zwei überspannende und drei kürzere Metallbügel in Messing halten eingeschraubt die Zahnrädchen an ihren Plätzen.

Die Marke und der Hersteller dieser Arbeit sind unbekannt, wenn sich nicht hinter dem Vogelzeichen ein Name verbirgt, zu dem ich keine Nachforschungen unternommen habe. Meine Taschenuhr ist an Genauigkeit natürlich außer Konkurrenz zu heutiger Technik oder Quarzantrieben, sie müsste jeden Tag nachgestellt werden um genau zu bleiben, aber für den Verlauf eines Tages erfüllt sie ihre Aufgabe gut genug. Tägliches Aufziehen ist hier Pflicht. Was tut man nicht alles für die Entschleunigung.

Über den Autor

Volker Trauth

Volker ist unser Mann der wohl gewählten Worte und ausdrucksstarken Uhren-Texte. Er berichtet exklusiv bei luxusuhren-test.de von seinen Zeitmessern.

#mypieceoftime location – 51°16’45.5″N 12°43’58.0″E

Trebsen/Mulde

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